Kurzkritik: Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Kurz vor den Acadamy Awards noch eine Kritik zum 13-fach nominierten Film.

Die humanoide Amazonas-Amphibie aus „Shape of Water“ ist andersartig und kann daher furchterregend wirken – auf den ersten Blick also ein Ungeheuer im klassischen Sinne. Wenn man anstatt Ungeheuer das Synonym Monster verwendet, ergibt sich für mich ein interessanter Gedankengang: Monster lässt sich begriffsgeschichtlich vom lateinisch monstrare ableiten, was sich als zeigen übersetzen lässt.

Vor diesem Hintergrund bildet das namenlose Geschöpf selbst einen Verweis – oder eben Fingerzeig – auf die Filmgeschichte: Da besteht zum einen die Schwägerschaft mit der Figur des Abe Sapien aus den „Hellboy“-Filmen. Kein Wunder, werden doch beide Figuren vom Schauspieler Doug Jones portraitiert und stammen aus der Regie-Feder von Guillermo del Toro. Das hat hier und da auch schon zu Theorien geführt, dass „Shape of Water“ im gleichen Universum wie „Hellboy“ spielt. Zum anderen weckt der Amphibienmensch Assoziationen zum Horrofilm-Klassiker „Der Schrecken vom Amazonas“ aus dem Jahr 1954. Auch hier hat del Toro bereits durchscheinen lassen, dass dieser Film eine wesentliche Inspirationsquelle für ihn dargestellt hat. Wie schwer die Grenze zwischen Zitat, Inspiration und Plagiat zu ziehen ist, zeigen wiederum die jüngsten Vorwürfe gegen den Regisseur, nachdem „Shape of Water“ Ideen und Szenen von „Delicatessen“, „The Space Between Us“ oder dem Bühnenstück „Let Me Hear You Whisper“ kopiert haben soll.

Das Amazonas-Monster wird aufgrund seiner Andersartigkeit ausgestoßen und missverstanden, was letztendlich auch Empathie beim Publikum erwirkt. Das Mischwesen zeigt dabei nicht nur auf sich selbst bzw. die Filmgeschichte, sondern auch auf die übrigen Protagonisten. Hierin entfaltet „Shape of Water“ seinen besonderen Reiz, indem es die Diagnose Ausgegrenzt-sein zum Thema macht und auf alle Figuren anwendet. Missverstanden wird so auch Elisa, weil sie an einer konventionellen Unterhaltung nicht teilhaben kann. Elisa kennt zwar ihre Sexualität (welche sie routiniert jeden Morgen abarbeitet), jedoch hat sie Liebe nicht erfahren können – so pathetisch das erstmal klingen mag. Ihr Sidekick, Freund und Nachbar Giles hat seine Sexualität hingegen nie ausleben können und erntet für Versuche der Annäherung nur tiefe Abneigung. Auch beruflich kann er nicht mehr mithalten. Im Gegensatz zur stummen, alleinstehenden Elisa redet ihre Freundin und Kollegin Zelda ununterbrochen; und dann auch fast ausschließlich über ihren Gatten. Doch die Kommunikation zwischen dem Ehepaar ist erlischt. Ganz zu schweigen vom Alltagsrassismus, welchem sie ausgesetzt ist. Dr. Hoffstetler ist hingegen zwar angesehen und akzeptiert, jedoch als Agent immer umringt vom Klassenfeind. Er kann sich daher nur oberflächlich bzw. im Zuge seiner Spionage integrieren und mit seinen Mitmenschen anfreunden. Selbst von seinen Genossen geht eine permanente Bedrohung aus. Und sogar der Antagonist Richard fällt in dieses Raster, wenngleich er bei mir natürlich nicht das gleiche Mitgefühl erntet wie der Rest der Protagonisten. Doch trotz der Verkörperung des „autoritäre[n] weiße[n] Hetero-Tyrannen“ hat selbst er mit permanentem Erfolgs- bzw. Erwartungsdruck seines Vorgesetzten zu kämpfen und kann bzw. will nicht in Baltimore ankommen. In dieser Liga der Ausgegrenzten wirkt der Amphibienmensch dann gar nicht mehr so fremd.

Bildnachweis:

[Beitragsbild] Szene aus Shape of Water – Das Flüstern des Wassers | Bild: FOX Searchlight

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